10
Sep 2015

Pekinesische Motivationsmaschine

... die alte Dame gewesen, die Gabi schon seit längerer Zeit kannte. Die Gebrechlichkeit der alten Dame zwang Gabi in zunehmend kürzer werdenden Abständen aus ihrer Bequemlichkeit.

Fangen wir mal weiter vorne an: Gabi arbeitet schon seit vielen Jahren nicht mehr. Ihr Mann hat als Beamter ganz ordentlich verdient und der Mietvertrag ihrer Wohnung ist so alt, dass Gabi und Gerd gefühlt jeden Monat Geld heraus bekommen - so niedrig ist die Miete. Im Laufe der Jahre hat Gabi es sich recht komfortabel eingerichtet in ihrem Kokon. Der Sohn verließ irgendwann das Haus und einen Zweipersonenhaushalt zu versorgen, bedurfte nur wenig Zeit und Bewegung.

Und so schwoll Gabi mehr und mehr an. Irgendwann hatte ich die Befürchtung, ich müsse die Tür ihres Autos mit Vaseline einschmieren, damit sie dort noch hineinschlüpfen kann. Der Mangel an Bewegung und das zunehmende Körpergewicht hinterließen ihre Spuren. Zuerst begannen die Gelenke zu Schmerzen, die Knie machten mehr und mehr Probleme. Somit bewegte sich Gabi noch weniger. Treppensteigen kam schon gar nicht mehr infrage. Allmählich machten sich auch noch die Bronchien bemerkbar und Gabi begann zu pfeifen, wie eine Dampfmaschine.

Kurz gesagt: Gabi erinnerte mich zunehmend an ein Flusspferd.

Nun geschah es aber, dass die eingangs erwähnte alte Dame zusehends schwächer wurde und sich um ihre erst zweijährige Pekinesenhündin kaum noch kümmern konnte. Gabi war die einzige Person, der die alte Dame vertraute. Daher war es nun an ihr, mit der noch sehr quirligen kleinen Hündin Gassi zu gehen. Nach ein paar Wochen wurde die alte Dame ins Pflegeheim eingewiesen und Gabi entschied sich, die kleine Hündin zu behalten.

Fortan entwickelte sich etwas, das ich zuvor nicht mehr für möglich gehalten hatte. Täglich sah ich Gabi nun mehrfach mit der kleinen Pekinesendame um die Häuser ziehen. Nach einigen Wochen hatte ich das Gefühl, Gabi hätte deutlich an Umfang verloren und ich fragte sie danach. Ja, so sei es und sie habe sich sogar schon neu einkleiden müssen, berichtete sie stolz.

Mittlerweile ist die kleine Pekinesin seit mehr als zwei Jahren bei Gabi und Gerd. Gabi's Figur ist zwar noch nicht mit der eines Rehs vergleichbar, doch sind die Unterschiede so deutlich erkennbar, dass es eine echte Freude ist, die beiden auf der Straße zu treffen. Gabi selbst hinterlässt den Eindruck, dass sie sich unglaublich wohl fühlt dabei und dass die neue Aufgabe zugleich Quell einer neu gewonnenen Lebensfreude ist. Auch sie selbst führt ihren persönlichen Wandel auf die kleine Hündin zurück.

Hund sei Dank!

von Jens Tippenhauer

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